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Die steigende Bedeutung einer fundierten Planung und Hochrechnung von Kapitalanlagen

loss profit or break even

Die Versicherungswirtschaft steht aktuell vor den wahrscheinlich größten Herausforderungen ihrer Geschichte. Diese Herausforderungen betreffen nahezu alle Bereiche eines Ver­sicherungs­­unternehmens, sei es die Veränderungen in den Vertriebswegen, die fort­laufenden Diskussionen über die Vergütungsregeln im Vertrieb, verstärkter Kostendruck, gesetzliche Änderungen (z.B. Gesundheitsreform, Unisex, SEPA, etc.) oder die Umsetzung der euro­päischen Regularien zur Beaufsichtigung von Versicherungsunternehmen aus Solvency II. Darüber hinaus kommen weitere, äußerst hohe Herausforderungen und teilweise substantiell kritische Belastungen aus den Kapitalmärkten auf die Versicherungs­unter­nehmen zu. Dies betrifft zum einen direkte Belastungen aus der Krise einzelner EURO-Staaten in Form von eingetretenen Bonitäts-/Ausfallrisiken und daraus resultierenden Wert­berichtigungen und Abschreibungen. Zum anderen sind aber auch indirekte Auswirkungen aufgrund des gesunkenen Zinsniveaus zu verzeichnen: Dies ist für Versicherungs­unter­nehmen dahingehend von besonderer Bedeutung, da laufende Erträge aus verzinslichen Anlagen den größten Teil der Kapitalanlagenerträge liefern. Obwohl in diesen Beständen aktuell im Vergleich zum derzeitigen Marktzinsniveau noch vergleichsweise hohe Verzinsungen erwirtschaftet  werden, wird es aufgrund fälliger Anlagen fortlaufend schwieriger, die erforderlichen Erträge zu generieren. Insbesondere in den Sparten, in denen langfristige Verzinsungsgarantien in den Produkten enthalten sind oder ein wett­be­werbsfähiger Rech­nun­gs­­zins (Krankenversicherung) erforderlich ist, kann sich ein nachhaltig niedriges Zins­niveau zu einer bedrohlichen Belastung entwickeln.

Während die Auswirkungen von niedrigen Kapitalmarktrenditen über die in den neuen Aufsichtsregeln geforderten Modellrechnungen sofort transparent werden, sind deren Folgen auf die handelsrechtlichen Ergebnisse (insbesondere im HGB) meist nur zeitverzögert und über Zeiträume von mehreren Jahren (> zehn Jahre) ersichtlich. Wenngleich diese Trägheit dazu führt, dass rückläufige Kapitalmarktrenditen in den ersten Jahren zunächst nur geringe Ergebnisbelastungen darstellen, so ist die Wirkung von Gegensteuerungs­maßnahmen ebenso von Trägheit geprägt und kommt somit erst entsprechender langfristig zur Geltung.

Die Steuerung von Zinsergebnissen in Kapitalanlagen erfordert insofern ein äußerst sensitives und vorausschauendes Management der Kapitalanlagen. Dabei reicht es nicht aus, den Fokus nur auf die langfristigen handelsrechtlichen Ergebnisse zu legen. Vielmehr sind die Auswirkungen von Kapitalmarktentwicklungen und die kurz-, mittel- und langfristigen Dispositionsüberlegungen für alle relevanten Steuerungsbereiche gleichzeitig zu analysieren und zu bewerten. Der Integration der nachfolgenden Steuerungsbereiche kommt daher eine besondere Bedeutung zu:

 

  • Internes Risikomanagementsystem (vgl. ORSA, Limitsystem, etc.)
  • Externes Risikosteuerungssystem (Säule I)
  • Handelsrechtliche Betrachtung (HGB, IFRS, US-GAAP, etc.)
  • Wirtschaftliche Performance
  • Aufsichtsrechtliches Meldewesen (z.B. Bedeckung)

Wenngleich bestimmte Mindestanforderungen erfüllt sein müssen, bleibt es der geschäftspolitischen Ausrichtung des Unternehmens überlassen, welche hierarchische Rangfolge für die einzelnen Steuerungsaspekte festgelegt wird. Die Dispositionen und Steuerungsmaßnahmen in Kapitalanlagen haben jedoch gleichzeitig und teilweise sehr heterogene Auswirkungen auf die genannten Steuerungsbereiche. Deshalb kommt es umso mehr auf eine integrierte und vor allem synchrone Simulation von signifikanten Dispositionen in den Kapitalanlagen an. Dies betrifft die mittel- und langfristigen Auswirkungen von Kapitalanlagen im Rahmen der (strategischen) Planung genauso wie auch die kurzfristigen Auswirkungen von unterjährigen Dispositionen und Kapitalmarktentwicklungen (Hochrechnung).

Schritte zum richtigen Asset-Management unter Solvency II

Für eine umfassende und zielorientierte Steuerung der Kapitalanlagen müssen daher nachfolgende Fragestellungen beantwortet werden können: Wie wirken sich

 

  • unterschiedliche Portfolioallokationen
  • geplante Transaktionen
  • veränderte Kapitalmärkte

in den verschiedenen Steuerungsbereichen aus?

Zur Klärung dieser Fragestellungen müssen die Auswirkungen zeitnah, effizient und gleichzeitig bewertet sowie simuliert werden können. Werden zum Beispiel Ergebnislücken in der GuV über kurzfristig bestimmte Maßnahmen bereinigt, so müssen in jedem Fall auch die daraus resultierenden kurz-, mittel- und langfristigen Auswirkungen auf die künftigen GuV simuliert werden. Gleichzeit müssen aber auch alle weiteren Konsequenzen zum Beispiel für die Solvenzquote, die interne Risikosteuerung, Stresstests usw. aufgezeigt und geprüft werden. Nur dadurch ist es möglich, negative Entwicklungen in anderen Steuerungsbereichen rechtzeitig zu erkennen und die für den Ausgangspunkt erforderlichen Steuerungsmaßnahmen anzupassen, bevor entsprechende Dispositionsentscheidungen getroffen werden.

Dabei geht es nicht zwingend darum, eine jede einzelne Dispositionsüberlegung dezidiert zu simulieren. Es geht vielmehr darum, im Kontext der strategischen Planung Erkenntnisse über eine optimale Ausrichtung des Asset-Portfolios zu erlangen und mit der Hochrechnung fortlaufend und zeitnah Informationen über die Erreichung der kurzfristigen Ziele zu gewinnen. Dies beginnt bei den mit geplanten Transaktionen entstehenden Kosten und Kursgewinnen/-verlusten, über die kurz-, mittel- und langfristigen Auswirkungen auf Zinsergebnisse, Dividenden oder sonstige Ergebniskomponenten. Insbesondere müssen auch die künftig anfallenden Ein- und Auszahlungscashflows (Fälligkeiten, Bestandsveränderungen, Zinsen, etc.) auf Basis der getroffenen (Wiederanlage-) Prämissen möglichst realitätsnah als Investition oder als Desinvestition in die Berechnungen integriert werden können. Um dies zu ermöglichen, ist ein entsprechendes Universum an fiktiven Anlageprodukten erforderlich, für welche sämtliche Kennzahlen gemäß den gegebenen Bedingungen bezüglich der Ausstattung, der Bilanzierung und der Kapitalmarktentwicklung vorberechnet werden. Dadurch wird auch die Berücksichtigung der künftigen Cashflows ermöglicht und im Sinne einer Going-Concern-Sicht die Grundlage für die Erfüllung einer Vielzahl der bestehenden Anforderungen geschaffen. Dies umfasst die Berechnungen für das interne und externe Risiko- und Solvenzkapital (SCR und ASM), Stresstests und nach unterschiedlichen Rechnungslegungen relevante Kennzahlen. Um die Auswirkungen für alle Steuerungsbereiche möglichst gleichzeitig ermitteln zu können, ist eine homogene Segmentierung aller Kapitalanlagen erforderlich. Bestimmt durch die Anforderungen der einzelnen Steuerungsbereiche kann sich im Zweifel eine hohe Granularität in den Segmenten ergeben. Ergänzt durch übersichtliche, verständliche und leicht interpretierbare Szenarien werden damit allerdings zusätzlich entscheidende Erkenntnisse für das Asset- und Risikomanagement gewonnen.

Auch im Hinblick auf den ORSA-Prozess werden hiermit wichtige Teilaspekte abgedeckt. So wird im Rahmen der Überprüfung der eigenen Risikolage ein „Blick in die Zukunft“ gefordert. Auch wenn hier die Aufsichtspraxis noch zeigen wird, welche Bereiche konkret beleuchtet werden müssen, ist im Sinne eines umsichtigen und vorsichtigen Managements davon auszugehen, dass eine mittel- und langfristige Simulation der künftigen handelsrechtlichen Ergebnisse aus der geplanten Asset-Allocation abzudecken ist.

Dessen ungeachtet dürfte es im Interesse der verantwortlich handelnden Personen sein, ein zielorientiertes, vorausschauendes, vollumfänglich durchdachtes und kontrolliertes Handeln im Asset-Management zu realisieren.

Fazit:

Die substantiellen und finanziellen Spielräume im Asset-Management sind in weiten Teilen der Branche und hier insbesondere bei Lebensversicherern mittlerweile sehr stark eingeschränkt. Eventuelle Ergebnisbelastungen können im Zweifelsfall nicht mehr korrigiert bzw. ausgeglichen werden. Vor diesem Hintergrund ist ein äußerst sensibles und vorausschauendes Management der Kapitalanlagen unabdingbar. Allein durch fachliche Expertise können diese Anforderungen nicht mehr erfüllt werden. Es bedarf vielmehr integrierter, flexibler und leistungsfähiger Instrumente, mit denen schnell und zeitnah die langfristigen Auswirkungen von Handlungsalternativen für verschiedene Kapitalmarktszenarien ermittelt und zur Entscheidungsfindung herangezogen werden können. Die Anforderungen an eine leistungsfähige und integrierte Systemlösung, aber auch an die prozessuale Integration in den Steuerungskreislauf, sind in der Regel vergleichsweise hoch. Aus diesem Grund sollten sich Versicherungsunternehmen umgehend mit einer Analyse der Anforderungen und dem jeweiligen Abdeckungsgrad mit den bestehenden Systemen auseinandersetzen. Auf Basis dieser GAP-Analyse können dann unmittelbar die erforderlichen Anpassungen ermittelt und in eine Planung entsprechender Maßnahmen überführt werden.

Autor:

Josef Deifel ist seit 26 Jahren im Finanzdienstleistungssektor und davon 11 Jahren in der Versicherungsbranche tätig. Er ist Principal Consultant bei der Metafinanz GmbH und beschäftigt sich mit den Aufgabenschwerpunkten Risk und Finance.

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